20. HIV und Kinderwunsch
Einleitung
Antiretrovirale Therapien verlängern nicht nur das Leben. Auch die Lebensqualität wird verbessert, Lebensperspektiven werden ausgeweitet. Der Wunsch nach einem eigenen Kind ist für viele HIV-positive Menschen zu einem wichtigen Teil der Lebensplanung geworden. Weltweit ist ein wachsendes Bewusstsein für den Kinderwunsch HIV-positiver Menschen festzustellen. Eine Realisierung ohne Risiko der HIV-Übertragung auf Partner oder Kind ist inzwischen in vielen - industrialisierten - Ländern möglich und trifft auf zunehmende Akzeptanz.Die Optionen zur Verwirklichung des Kinderwunsches reichen vom ungeschützten Geschlechtsverkehr bis zur assistierten Reproduktion. Priorität sollte die Verhinderung der Infektion des nicht infizierten Partners und des Kindes haben.
Eine große Bedeutung für die Beratung HIV-betroffener Paare mit Kinderwunsch hatten die im Januar 2008 veröffentlichten Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (Vernazza 2008). Das "EKAF-Statement", das seitdem weltweit kontrovers diskutiert wird, hielt fest, dass HIV-infizierte Personen unter folgenden Voraussetzungen das HI-Virus im sexuellen Kontakt nicht weitergeben:
- die ART wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert
- Die Viruslast liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h., die Virämie ist supprimiert)
- es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern
Kritiker weisen auf die limitierte Datenlage zur Höhe des Transmissionsrisikos bei Geschlechtsverkehr ohne Kondom hin. Studien zur Assoziation zwischen der Viruslast im Sperma und im Blut zeigen einen hohen Zusammenhang. Die Datenlage ist allerdings bisher ebenfalls begrenzt (Kalichman 2008), ebenso wie die zum ungeschützten Geschlechtsverkehr bei Kinderwunsch-Paaren.
In Deutschland stimmen dennoch inzwischen die meisten HIV-SpezialistInnen und VertreterInnen von PatientInnenorganisationen überein, dass eine HIV-Infektion beim ungeschützten Geschlechtsverkehr unter den von der EKAF genannten Bedingungen unwahrscheinlich ist. Mit Blick auf die Kinderwunschbehandlung hält das EKAF-Statement fest, dass die Insemination mit aufbereitetem Sperma bei vollständig supprimierter Viruslast nicht mehr indiziert sei, wenn sie nur erfolge, um eine HIV-Transmission zu verhindern.
Das EKAF-Statement wird nach unserer Erfahrung in der Beratung HIV-serodiskordanter Paare mit Kinderwunsch fast immer thematisiert - häufig wird sie auch von den Paaren selbst angesprochen. Die Hintergründe der Empfehlungen und die Entscheidungsspielräume des Paares sollten ausführlich besprochen werden. Es gibt deutliche Unterschiede in der individuellen Risikoeinschätzung und im Sicherheitsbedürfnis der Paare. Ohnehin finden in der Regel gerade jene Paare den Weg in die Beratung, die auch das geringste Infektionsrisiko ausschließen wollen. Berücksichtigt werden muss auch, dass nicht bei allen Partnern die Viruslast optimal supprimiert ist oder bei einer geringen Viruslast noch keine Behandlungsindikation besteht. In diesen Fällen ist die Insemination mit aufbereitetem Sperma - bei vorhandener Fertilität - noch immer die Methode der Wahl. Inzwischen wird allerdings auch immer häufiger der Beginn einer ART bei Männern mit niedriger Viruslast diskutiert, um den Weg zu einer "natürlichen Konzeption" zu eröffnen.
Die aktualisierten Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung HIV-betroffener Paare mit Kinderwunsch (Tandler-Schneider 2008) empfehlen zur Behandlung HIV-diskordanter Paare folgende Wege:
- Assistierte Reproduktion oder Selbstinsemination, falls die Partnerin HIV-infiziert ist, abhängig vom Fertilitätsstatus.
- Assistierte Reproduktion mit aufbereitetem Sperma, falls der Partner HIV-infiziert ist. Ein Hinweis auf die Möglichkeit der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) bei Kinderwunsch wurde aufgenommen, eine eindeutige Empfehlung allerdings aufgrund der noch limitierten Datenlage nicht gegeben.
Erstberatung
Die erste Beratung - möglichst mit beiden Partnern - sollte neben der ausführlichen Information zu Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten auch die psychosoziale und materielle Situation sowie die aktuelle Problemlage berücksichtigen, ferner die Unterstützung durch Ursprungsfamilie und Freundeskreis sowie die Lebensplanung und Zukunftsperspektive als Familie. Es empfiehlt sich die Kooperation mit Einrichtungen des AIDS-Beratungssystems, Organisationen in der Migrationsarbeit oder Selbsthilfegruppen - vor allem, wenn in einer reproduktionsmedizinischen Einrichtung keine Möglichkeit einer psychosozialen Beratung besteht. In mehreren europäischen Projekten zur assistierten Reproduktion bei HIV-Infektion sind PsychologInnen fester Bestandteil der multidisziplinären Teams (Ohl 2005). Belastungen, die im Zusammenhang mit Diagnostik und Behandlung auftreten können, sollten ebenso ernst genommen werden wie Ängste und Befürchtungen der Paare. Hierzu zählt zum Beispiel die Angst vor Befunden, die eine reproduktionsmedizinische Behandlung aussichtslos erscheinen lassen. Als sehr belastend empfinden Paare das Anzweifeln ihrer Motive oder der Berechtigung und Angemessenheit ihres Kinderwunsches (Sonnenberg-Schwan 2005).Ist die Frau HIV-infiziert, sollte auch die Prophylaxe der vertikalen Transmission, die ART während der Schwangerschaft und mögliche Umstellungen einer ART eingehend besprochen werden. HIV-positive Frauen schätzen das Transmissionsrisiko häufig als zu hoch ein, was sich auch auf den Kinderwunsch auswirkt. In einer französischen Untersuchung hatten nur 26 % der Frauen, die das Infektionsrisiko für ihr Kind als "sehr hoch" einschätzten, einen Kinderwunsch im Vergleich zu 43 % der Frauen, die das Risiko für "sehr gering" hielten (Heard 2007).
Kinderwunsch bei HIV-Infektion des Mannes
Die Aufbereitung des Spermas HIV-infizierter Männer wurde 1987 zum ersten Mal publiziert (Semprini 1987). 1989 wurden in Italien und 1991 in Deutschland die ersten Inseminationen HIV-negativer Frauen mit dem aufbereiteten Sperma ihrer HIV-infizierten Partner vorgenommen. Seither wurden in zahlreichen Ländern Zentren gegründet, um betroffenen Paaren - neben der reproduktionsmedizinischen Behandlung in IVF-Zentren - psychosoziale und medizinische Beratung und Unterstützung anzubieten. Daten zur Sicherheit reproduktionsmedizinischer Behandlungen mit aufbereitetem Sperma werden immer umfangreicher: In Italien wurden von 1989 bis 2005 unterschiedliche Methoden bei 732 HIV-negativen Frauen in über 2.500 Zyklen eingesetzt. In CREAThE, einem europäischer Zusammenschluss reproduktionsmedizinischer Zentren wurde bei 3.390 Zyklen keine einzige mütterliche Infektion beobachtet (Bujan 2007). Auch amerikanische Studien weisen auf Sicherheit und Effektivität der Methoden hin (Pena 2003, Sauer 2005).Optimierung und Standardisierung der Spermaaufbereitung sowie die Testung gewährleisten heute ein Höchstmaß an Sicherheit. Paare, bei denen nur der Mann HIV-infiziert ist, werden in Deutschland in mehreren reproduktionsmedizinischen Einrichtungen behandelt. Zur Etablierung der Methode trugen auch die 2001 erstmals veröffentlichten (Weigel 2001) und 2007 vollständig überarbeiteten Deutsch-Österreichischen Empfehlungen zur assistierten Reproduktion bei HIV-diskordanten Paaren bei (Tandler-Schneider 2008).
Grundlagen der Aufbereitung des Spermas
Das Nativ-Ejakulat besteht hauptsächlich aus drei Fraktionen: Spermatozoen, Seminalplasma und nukleären Begleitzellen. HIV-Progenom und Virus wurden bisher im Seminalplasma und den nukleären Begleitzellen (Vorläuferzellen der Spermatogenese und weiße Blutzellen) nachgewiesen, in Einzelfällen auch in immobilen Spermien. Eine zunehmende Zahl von Studien weist aber darauf hin, dass vitale, motile Spermazellen nicht als Virusträger in Betracht kommen (Weigel 1999, Pena 2003, Gilling-Smith 2003).Motile Spermien können durch standardisierte Aufbereitungstechniken isoliert werden: Zunächst werden die Spermien durch Dichtegradientenzentrifugation vom Seminalplasma und der Begleitzellfraktion getrennt. Nach zwei Waschschritten, bei denen das Pellet jeweils in frischem Kulturmedium resuspendiert und erneut zentrifugiert wird, wird es abschließend mit Kulturmedium überschichtet und die Probe für 30 bis 60 Minuten bei 37°C inkubiert. In dieser Zeit reichern sich die motilen Spermien in der oberen Grenzschicht an ("swim-up"). Um eine Kontamination mit viralen Partikeln mit größtmöglicher Sicherheit auszuschließen, wird ein Teil der aufbereiteten Probe mittels ultrasensitiver Verfahren (PCR, NASBA) untersucht (Gilling-Smith 2003, Weigel 2005, Tandler-Schneider 2008). Die Nachweisgrenze der sensitivsten Methode liegt derzeit bei 10 Kopien/ml. Bis zum Vorliegen des Testergebnisses ist in der Regel eine Kryokonservierung der aufbereiteten Spermienprobe notwendig. Diese kann allerdings die Motilität der Spermien beeinträchtigen und damit zu einer geringeren Schwangerschaftsrate führen. Einige Arbeitsgruppen bereiten die Spermien daher zum Zeitpunkt des LH-Peaks auf und testen innerhalb von 24 Stunden mittels PCR. Die Spermien werden bei +4°C gelagert, die Insemination erfolgt nach negativer Testung. Savasi et al. (2007) konnten so eine Schwangerschaftsrate von 19 % pro Inseminationszyklus erreichen, bei IVF/ICSI lag die Rate bei 22 %.
Die Spermaaufbereitung ist somit eine sehr effektive Methode der Risikominderung mit einem nur noch theoretischen Restrisiko.
Reproduktionsmedizinische Behandlung Entscheidet sich ein Paar für eine reproduktionsmedizinische Behandlung, erfolgt in interdisziplinärer Kooperation eine umfassende Diagnostik (siehe Tabelle 1), am besten ortsnah. Inzwischen bieten mehrere Zentren in Deutschland reproduktionsmedizinische Unterstützung bei HIV-Diskordanz an (Kupka 2007).
Tabelle 1: Basisdiagnostik der Partner bei HIV-Diskordanz (nach Tandler-Schneider 2008)
| Anamnese, medizinische und psychosoziale Vorgeschichte | |
| Gynäkologische Diagnostik |
Palpation, Sonografie, Tubenfaktorprüfung (Hysterokontrastsonographie, ggf. Laparoskopie) endokrinologische Diagnostik (E2, LH, P, DHEAS, FSH, Testosteron, SHBG, TSH, Prolaktin) Zervixabstrich (PAP, Chlamydien PCR) Serologie (Röteln, Varizellen, TPHA, CMV, HBV, HCV) |
| HIV-spezifische/allgemein-medizinische Diagnostik |
Ultrasensitive HIV-PCR, ggf. Resistenztestung; Lymphozytendifferenzierung, CD4/CD8-Zellen Blutbild, GOT, GPT, γ-GT, Glukose, Kreatinin HIV-AK-Test des seronegativen Partners/der Partnerin; HIV-PCR vor und nach Aufbereitung der Spermien zur IUI/ICSI, ggf. Kryokonservierung von HIV-freien Spermien |
| Andrologische Diagnostik |
2 Spermiogramme, Ejakulatkultur Palpation Sonographie, ggf. endokrinologische Diagnostik Serologie (HBV, HCV, TPHA), Abstrich auf HPV + GO, Chlamydien-PCR im Urin |
Anschließend oder parallel dazu nimmt das Paar mit der in Frage kommenden reproduktionsmedizinischen Einrichtung Kontakt auf, wo die weiteren Schritte von der Aufbereitung und Testung des Spermas bis zur Kinderwunschbehandlung durchgeführt werden (Tandler-Schneider 2008).
Bei HIV-diskordanten Paaren werden die aufbereiteten getesteten Spermien in drei verschiedenen Verfahren eingesetzt: Von der intrauterinen Insemination (IUI), bei der die aufbereiteten Spermien wenige Stunden vor dem Eisprung mit einem dünnen Katheter in Gebärmutter und Eileiter eingebracht werden, über die in-vitro-Fertilisation (IVF) bis zum aufwendigsten Verfahren, der intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). IVF und ICSI sind Verfahren der extrakorporalen Befruchtung, die Eizelle wird also außerhalb des Mutterleibes befruchtet.
Um Kosten und Zeitaufwand zu minimieren, sollten alle notwendigen Untersuchungen und Behandlungen (Zyklusmonitoring, Hormonsubstitution) in Kooperation vor Ort durchgeführt werden.
Die Wahl der Methode richtet sich nach den gynäkologischen und andrologischen Befunden sowie den Wünschen des Paares. Mehrere Studien belegen, dass die Spermaqualität HIV-infizierter Männer häufig eingeschränkt ist (Dulioust 2002, Nicopoullos 2004), so dass häufig die ICSI die Methode der Wahl ist. Über folgende wichtige Aspekte sollten die Paare aufgeklärt werden:
- Auch mit den aufwendigsten Verfahren ist eine Virusübertragung auf die gesunde Partnerin nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen. Das Risiko ist allerdings hypothetisch und nicht mehr bezifferbar.
- Aufwand und Belastung für das Paar, aber auch die Kosten unterscheiden sich je nach Verfahren deutlich: Eine einzelne Behandlung kann zwischen 400 und 4.000 Euro kosten. Aufgrund einer Richtlinie des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen sind die Kassen nicht zur Übernahme der Kosten verpflichtet, wenn einer der beiden Partner HIV-positiv ist. Kostenerstattungen sind daher selten, in Einzelfällen aber aus Kulanz möglich. Bei Paaren mit Fertilitätsstörungen können 50 % der Kosten einer künstlichen Befruchtung für maximal drei Behandlungsversuche erstattet werden. Eine Unterstützung bei den Verhandlungen mit der Krankenkasse seitens des reproduktionsmedizinischen Zentrums ist ratsam.
- Allerdings können auch die aufwendigsten Techniken einen Behandlungserfolg selbst nach mehreren Behandlungen nicht garantieren.
- Eher selten entscheiden sich Paare für eine heterologe Insemination (Befruchtung mit Spender-Samen), wenn gravierende Fertilitätsstörungen beim HIV-positiven Partner die assistierte Reproduktion ausschließen.
- Paare, bei denen ein Partner HIV-infiziert ist, haben in Deutschland - wie auch andere Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen - so gut wie keine Chance auf eine Adoption.
Die Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP)
- Ein neuer Behandlungsansatz ist die PrEP bei negativen Partnerinnen HIV-positiver Männer. Eine erste Studie wurde in 2004 in der Schweiz initiiert (Vernazza 2005+2006). Nur während der fruchtbaren Tage führen die Paare Geschlechtsverkehr ohne Kondom durch. Bei positivem LH-Test nimmt die Frau eine Tablette Tenofovir ein, 24 Stunden später eine zweite. Zwölf Stunden danach sollte dann der Geschlechtsverkehr stattfinden. Voraussetzung ist eine dauerhaft supprimierte Viruslast sowie der Ausschluss von sexuell übertragbaren Erkrankungen. Die Akzeptanz des Verfahrens bei den Paaren ist hoch. Von 2004 bis 2007 wurden 15 von 21 Frauen unter einer PrEP schwanger, elf von ihnen schon nach drei Zyklen. Eine HIV-Infektion fand in keinem Fall statt (Vernazza 2007). Die positiven Erfahrungen aus der Schweiz bildeten die Grundlage für ein deutsches Pilotprojekt, das 2007 in München gegründet wurde. Die Fallzahlen sind allerdings noch äußerst gering. Die Forschungsergebnisse zur PrEP sind daher noch als vorläufig zu bezeichnen.
Kinderwunsch bei HIV-Infektion der Frau
Auch für viele HIV-positive Frauen ist der Wunsch nach einem Kind zu einem selbstverständlichen Teil ihrer Lebensplanung geworden (Fiore 2008). Heard (2007) stellte fest, dass sich 32 % der HIV-positiven Frauen im reproduktiven Alter in Frankreich sich ein Kind wünschen.Liegen bei einer HIV-positiven Frau keine Fertilitätshindernisse vor, wird heute in der Beratung der Geschlechtsverkehr ohne Kondom als Option diskutiert, wenn die im EKAF-Statement genannten Voraussetzungen gegeben sind. Für Paare mit einem sehr hohen Sicherheitsbedürfnis ist die Selbstinsemination eine Alternative.
Auch hier wird eine infektiologische Diagnostik empfohlen. Ob zuvor eine Fertilitätsdiagnostik durchgeführt wird, liegt im Ermessen des Paares. Der erste Schritt ist die Bestimmung des Ovulationszeitpunkts (z. B. mittels kontrazeptiver Computersysteme oder Zyklotest-Stäbchen). Bei regelmäßigem Zyklus empfiehlt sich die Führung einer Basaltemperaturkurve (ab etwa drei Monate vor Beginn der Selbstinsemination). Im Einzelfall muss die Ovulation medikamentös unterstützt werden.
Eine Selbstinsemination sollte nicht öfter als zweimal pro Zyklus versucht werden, da bei häufigeren Versuchen der Gehalt des Ejakulats an reifen motilen Spermien geringer wird. Außerdem kann das Paar durch Planungsaufwand und Termindruck einer verstärkten psychischen Belastung ausgesetzt sein. Zur Insemination selbst wird das Ejakulat entweder mit einem invertiert eingeführten spermizidfreien Kondom - nach geschütztem Geschlechtsverkehr - oder z. B. mittels Portiokappe, Vaginalapplikator oder Spritze in die Vagina eingebracht.
Fertilitätsstörungen
Fertilitätsstörungen treten bei HIV-infizierten Frauen häufiger auf als bei nicht infizierten Frauen, z.B. infolge von Infektionen des oberen Genitaltraktes (Sobel 2000) oder nach Eingriffen wegen cervikaler intraepithelialer Neoplasien (Gilles 2005). In diesen Fällen kommen - je nach Art der Einschränkung - ebenfalls Methoden der assistierten Reproduktion in Betracht. Mehrere Studien weisen auf eine erhöhte Rate von Fertilitätsstörungen (Ohl 2005) und eine geringere Erfolgsrate im Vergleich zum HIV-negativen Kontrollkollektiv hin (Coll 2006) hin. Als Ursache kommt eine Depletion der mitochondrialen DNA in den Eizellen in Frage (Garrabou 2006, Lopez 2008). Gesicherte Daten zu Zusammenhängen zwischen ART und Fertilitätsstörungen bei Frauen gibt es bisher nicht (van Leeuwen 2006).Ziel jeder reproduktionsmedizinischen Maßnahme sollte eine Einlingsschwangerschaft sein. Das deutsche Embryonenschutzgesetz begrenzt allerdings Anzahl und Reifezustand der Embryonen, die transferiert werden können. Damit kann die Erfolgsrate bei IVF und ICSI reduziert sein. Da die Paare in der Regel ihre Behandlungen selbst bezahlen müssen, wählen viele den Weg in erfahrene kooperierende Zentren wie Straßburg oder Brüssel. In jedem Fall empfiehlt sich eine vorherige Kontaktaufnahme, da sich die Zugangsvoraussetzungen sehr unterscheiden.
Kinderwunsch bei HIV-Infektion beider Partner
Sind beide Partner HIV-infiziert, kann der Geschlechtsverkehr ohne Kondom eine Option zur Verwirklichung des Kinderwunsches sein. Eine mögliche Superinfektion (ggf. mit Resistenzen) sollte thematisiert werden. Sie ist nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch eher selten, vor allem, wenn beide Partner erfolgreich antiretroviral behandelt werden. Ist bei einem Partner die Fertilität eingeschränkt, wird eine reproduktionsmedizinische Behandlung in Deutschland aus ethischen und juristischen Gründen derzeit noch kontrovers diskutiert. Die neuen Deutsch-Österreichischen Empfehlungen sehen einen grundsätzlichen Ausschluss dieser Paare von der reproduktionsmedizinischen Behandlung als nicht gerechtfertigt an und legen eine individuelle Beratung und Entscheidung nahe (Tandler-Schneider 2008). Bisher sind aber nur wenige reproduktionsmedizinische Einrichtungen in Deutschland zur Behandlung HIV-konkordanter Paare bereit.Psychosoziale Aspekte
- Erfahrungen zeigen, dass ein vorausgehendes und begleitendes psychosoziales Beratungsangebot wichtig ist, in das beide Partner einzubeziehen sind. Nicht alle Paare entscheiden sich nach der Beratung für die Verwirklichung des Kinderwunsches.
- Eine psychiatrische Komorbidität (z.B. Substanzabhängigkeit, Psychosen) bei einem der Partner kann zumindest einen Aufschub der reproduktionsmedizinischen Behandlung begründen.
- Sehr häufig übersehen wird die zentrale Bedeutung der Elternschaft für MigrantInnen. Sprach- und Verständnisprobleme auf beiden Seiten, die Nichtwahrnehmung kultureller Hintergründe und fehlende Akzeptanz von "fremden" Lebensstilen und -perspektiven können zu Gefühlen von Diskriminierung, Isolation, Hilflosigkeit und Verzweiflung führen.
Zusammenfassung und Ausblick
HIV-betroffenen Paaren stehen heute verschiedene Wege zur Verwirklichung des Kinderwunsches zur Verfügung. Mit dem EKAF-Statement ist der Geschlechtsverkehr ohne Kondom bei dauerhaft supprimierter Viruslast des betroffenen Partners zu einer immer häufiger diskutierten Option geworden. Unserer Erfahrung nach wählen viele Paare diesen Weg, ohne eine spezialisierte Beratungseinrichtung aufzusuchen. Beratung und reproduktionsmedizinische Unterstützung werden eher angefragt, wenn mehrere Versuche, schwanger zu werden, erfolglos verlaufen sind Fertilitätsprobleme bereits bekannt oder die Befürchtungen hinsichtlich eines Infektionsrisiko für den nicht betroffenen Partner/die Partnerin groß sind.Die Prä-Expositionsprophylaxe, für die allerdings bisher keine solide Datengrundlage besteht, könnte für fertile Paare eine weitere Option sein (Vernazza 2007).
Die Beratung und Behandlung HIV-betroffener Paare mit Kinderwunsch findet in Deutschland stark dezentralisiert statt. Vorteilhaft wäre die Einrichtung eines bundesweiten Registers, in dem Daten zu den verschiedenen Vorgehensweisen und Behandlungen gesammelt werden können.
Die Erfahrungen der letzten Jahre belegen die Sicherheit der assistierten Reproduktion mit aufbereitetem Sperma HIV-infizierter Männer. Immer mehr reproduktionsmedizinische Zentren bieten inzwischen eine Behandlung an. HIV-infizierte Frauen und besonders serokonkordante Paare haben allerdings in Deutschland nach wie vor seltener Zugang zu Fertilitätsdiagnostik, Beratung und Behandlung. Die Gleichbehandlung von Menschen mit HIV, unabhängig vom Geschlecht, mit von anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen betroffenen Paaren wird auch international immer häufiger eingefordert.
Problematisch ist der Ausschluss von Menschen mit HIV/AIDS aus der Kostenerstattungspflicht der Krankenkassen für eine reproduktionsmedizinische Behandlung. Nur die wenigsten Paare mit Kinderwunsch sind in der Lage, die meist erheblichen Kosten für einen oder mehrere Behandlungszyklen zu tragen. Viele Paare können allein aus diesem Grund ihren Kinderwunsch nicht verwirklichen. Adressen Die reproduktionsmedizinische Behandlung bei HIV-positivem Partner ist in Deutschland in mehreren Zentren möglich. Weitere Informationen, auch zur Behandlung HIV-positiver Frauen, bei:
- Ulrike Sonnenberg-Schwan, Tel.: 089/43766972, email: ulrike.sonnenberg-schwan@t-online.de
- Prof. Dr. med. Michael Weigel, Frauenklinik Leopoldina-Krankenhaus, Schweinfurt. Tel.: 09721/720-2130, email: mweigel@leopoldina.de
- Dr. med. Andreas Tandler-Schneider, Fertility Center Berlin, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin. Tel.: 030/30354937, email: info@fertilitycenter-berlin.de
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